Paraclimber Michael Füchsle im Interview

Michael Füchsle findet im Klettern seine Erfüllung - bis zu dem Tag, an dem er einen Darmdurchbruch erleidet und ab da im Rollstuhl sitzt. Sieben Jahre braucht er, bis er wieder gehen kann.

Aus dem Loch geklettert

Michael Füchsle findet im Klettern seine Erfüllung – bis zu dem Tag, an dem er einen Darmdurchbruch erleidet und ab da im Rollstuhl sitzt. Sieben Jahre braucht er, bis er wieder gehen und schließlich sogar Wettkämpfe bestreiten kann – im Paraclimbing.

Bergsteiger-Autorin Laurie Hilbig hat mit ihm über seinen harten Weg gesprochen.

Michael Füchsle BERGSTEIGER: Sie haben Klettern schon früh für sich entdeckt und auch an Wettkämpfen teilgenommen. Dann kam der Tag, an dem alles anders wurde. Was ist passiert?

 

Michael Füchsle: Ich habe schon vor dem Vorfall Morbus Chron, eine entzündliche Darmkrankheit gehabt. Ich habe viel Cortison genommen und das hat irgendwann nicht mehr angeschlagen. Starke Schmerzen plagten mich. Ich wusste: Irgendetwas stimmt nicht. Der Internist konnte aber erst mal nichts Genaues feststellen. Die Situation wurde immer unerträglicher für mich und so bin ich ins Krankenhaus gefahren. Dort hieß es dann: sofortige Notoperation aufgrund eines Darmdurchbruches.

Wie ging es dann weiter für Sie?

Der Vorfall wurde recht spät entdeckt und in dem Stadium war der Körper ja schon vergiftet. Mir wurde erzählt, dass ich zweimal wiederbelebt werden musste. Ich lag dann 16 Tage lang im künstlichen Koma. Als ich aufwachte, war ich vom Hals ab gelähmt und der Rollstuhl war mein neues Fortbewegungsmittel.

Und wie sind Sie mit der Situation umgegangen?

Die Ärzte sagten meinen Eltern, sie könnten sich gleich nach einem Pflegeplatz für mich umsehen, weil ich den Rollstuhl wahrscheinlich nie wieder verlassen würde. Mich hat das alles erst mal kalt gelassen – war vielleicht auch aus Selbstschutz, dass ich nicht fühlen konnte, wie schlimm das eigentlich war.

Ans Klettern haben Sie nicht gedacht?

Ich habe es akzeptiert, dass ich in Zukunft nicht mehr klettern kann. Die Ärzte sagten mir ja voraus, dass ich nie wieder laufen könne. Ich war dankbar, überhaupt noch am Leben zu sein. In der Reha waren viele Menschen, die entmutigt waren. Ich habe mich davon aber nicht herunter ziehen lassen. Ich habe alle Übungen mitgemacht und mich scheinbar an die Situation gewöhnt.

Scheinbar?

Erst später zuhause hat mich die Realität eingeholt. Ich hatte keinen Pflegedienst oder so etwas. Meine Schwester wohnt gleich nebenan und hat oft nach mir geschaut und mir auch Essen gebracht. Das Schwierige war vor allem, dass ich mich nicht alleine waschen konnte. Jemand musste mir also in die Badewanne helfen und mich da auch wieder raus holen. Auch wenn das meine eigene Schwester war – eine vertraute Person – habe ich mich klein und hilflos gefühlt.

Was war die größte Herausforderung in dieser Zeit?

Dass es mit dem Laufen weitergeht. Meine Muskeln waren kraftlos und weich wie Butter und ich habe bis heute einen künstlichen Darmausgang. Das Gehen ging erst mal sehr schleppend voran. Ich habe rund sieben Jahre gebraucht, bis ich mich wieder einigermaßen bewegen konnte. Das war eine lange und schwere Zeit.

Was hat Ihnen währenddessen Kraft gegeben?

Ich habe keine wirklichen Lichtblicke gehabt während dieser Phase. Es war schwer und zudem hatte ich nicht viele Menschen, an die ich mich wenden konnte. Meine Familie war sehr hilfreich und stand hinter mir. Aber meine Freunde haben mich reihenweise verlassen. So auch meine damalige Freundin. Wir waren sogar verlobt. Sie hatte mich bereits im Krankenhaus verlassen, als sie erfuhr, dass ich gelähmt bin.

Wie haben Sie aus dieser Phase wieder herausgefunden?

Dass ich mich wieder mehr bewegen konnte, war gut. Aber besonders hilfreich war meine Freundin: Ich habe wieder eine Frau kennengelernt und die hat mich auf den richtigen Weg gebracht. Sie hat mir Kraft gegeben und mich auch wieder zum Klettern ermutigt. Wir sind zuerst mal in eine Kletterhalle gefahren. Die ersten zwei bis drei Meter die Wand hoch zu klettern, war echt hart. Ich brauchte dann direkt erst einmal eine Pause und meine Unterarme haben geschmerzt. Meine Muskeln waren es einfach nicht mehr gewöhnt.

Und jetzt sind Sie wieder bei Wettkämpfen dabei?

Ich habe mich dann informiert und ich fand die Paraclimbing-Wettkämpfe interessant. Dort werden die Kletterer in bestimmte Kategorien je nach Schweregrad der  Behinderung eingeordnet und treten gegeneinander an. Ich habe einen künstlichen Darmausgang und Polyneuropathie. Das bedeutet, dass meine Muskeln viel schneller ermüden als bei anderen. Aber beim Klettern geht es komischerweise ganz gut.

Wer hat Ihnen noch geholfen?

Meine früheren Sponsoren haben mich wieder unterstützt. Ich habe dann viel trainiert – mit meiner Freundin als vertrauensvoller Partnerin an meiner Seite. Ehrgeizig war ich schon damals und das bin ich auch heute noch. Internationale Wettkämpfe haben mich gereizt. Im Jahr 2015 war ich dann in Imst am Start und schaffte den fünften Platz. Beim World Cup Briancon 2017 schaffte ich den dritten Platz.

Was haben Sie durch diese Erfahrungen gelernt?

Dass man nicht aufgeben sollte. Trotz Behinderung kann man gut einen Sport ausüben. Ich möchte auch andere Menschen dazu ermutigen, raus zu gehen und sich zu trauen.

 

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